Kurzgeschichten


Dänischunterricht

Ende März, in den Schulferien, fuhren wir – meine Frau, ich sowie mein Sohn – ans Meer nach Dänemark. Derart außerhalb der Hochsaison war es uns in letzter Minute gelungen, noch ein schönes, frisch renoviertes Haus mit neuen Möbeln und Kamin preiswert zu mieten. Nach nur fünf gemütlichen Stunden auf der Autobahn erreichten wir das Haus am Meer in der nahezu menschenleeren Feriensiedlung. Die ganze Woche über herrschte sehr schönes und sonniges Wetter, mit Temperaturen zwischen 14 und 18 Grad. Wir bereisten die umliegenden Städte, genossen deren Sehenswürdigkeiten, besuchten Museen, einen Zoo und ein Schwimmbad. Viele Attraktionen waren noch geschlossen, insbesondere jene unter freiem Himmel oder mit Wasserspielen. In den wenigen geöffneten gab es Preisnachlässe, wie etwa im Zoo von Odense oder in „Den Gamle By“ in Aarhus. An den Bummel-freien Tagen, während der Spaziergänge am Strand, zeichneten wir Bilder in den Sand und atmeten tief die Meeresluft. Außerdem flippten wir flache Steine um die Wette: Wer den Stein am häufigsten auf dem Wasser aufkommen ließ, erhielt die meisten Pfannkuchen. Häufig warfen wir den Grill an, und abends saßen wir gemütlich am Kamin, spielten Karten, betrachteten kürzlich geschossene Fotos oder sahen fern. Das mobile Highspeed-Internet und zahlreiche offene WLAN-Netze, auch in der Eingangshalle zum Schwimmbad, ließen uns die zuhause gelassenen Geschäfte nicht völlig vergessen. Doch am Abend des vierten Tages, als mein Sohn bereits in seinem Zimmer schlief, fühlte ich mich wie im Urlaub. Die Ruhe genießend, saßen wir zu zweit und lauschten, wie das Holz im Kamin knisterte; wir redeten miteinander und tranken weißen italienischen Wein und dunkles Tuborg Pilsener. Nach einer Woche mussten wir wieder abreisen. Dänemark schaute uns mit Regen und Schnee nach. Nach der Ankunft zuhause an einem Sonntag musste ich sogar arbeiten. Die Betriebskostenabrechnung für das Ferienhaus und den Rest von der Kaution kam etwa zwei Wochen später auf mein Bankkonto. Zwei Ereignisse, die während des Urlaubs unabhängig voneinander und scheinbar zufällig passierten, lassen mir noch immer keine Ruhe.

Fernsehserie „Danni Lowinski“

Am Montag unserer Ferienwoche warteten wir gespannt auf die erste Folge der neuen Staffel von "Danni Lowinsky", ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis für die beste TV-Serie 2010. Die Serie zeichnet sich durch ihren sarkastischen Kölner Humor aus und ist gefüllt mit witzigen Kurzgeschichten. Erzählt werden Zivilprozesse, die einer nach dem anderen von der "preiswerten" Rechtsanwältin Danni gewonnen werden. Sie nimmt einen Euro pro Minute und arbeitet an einem Klapptisch im Flur einer Einkaufspassage. Wir schauten alle zusammen, für meinen Sohn war es eine Premiere: In dieser Folge wurde zum ersten Mal in der Fernsehserie ein Mann erschossen. Ein Familienvater war in einen Unfall verwickelt gewesen. Dessen gesundheitliche Folgen wären milder oder gar nicht aufgetreten, hätte der Mann nicht fahrlässig gehandelt. Er verlor seinen Zivilprozess gegen eine Versicherungsgesellschaft, welche die Kosten für seine medizinische Behandlung nicht übernehmen wollte. Er hatte keine weiteren Ersparnisse mehr, seine Familie war ruiniert. Den einzigen Ausweg sah er darin, eine Bank auszurauben. Jedoch wurde er bei einem Schusswechsel mit der Polizei tödlich verletzt. Die Folge endete damit, dass Danni vor der Bank kniend den Kopf des Sterbenden hielt und aus dem Augenwinkel eine Pistolenattrappe in der Hand des Mannes sah. Leider hatte der arme Kerl außer Acht gelassen, dass nicht nur Danni in der Lage war, seine Pläne zu durchschauen, sondern auch die anderen. Er hatte erzwingen wollen, dass die Versicherung im Falle seines gewaltsamen Todes seine Lebensversicherung an die Familie auszahlte. Somit war klar, dass es sich bei dem Überfall nur um einen Scheinüberfall handelte, um seinen Tod zu provozieren.
… Die Folge schockierte uns. Mein Sohn konnte lange nicht einschlafen und klagte über Bauchschmerzen. Er war krank vor Sorge um das Opfer, konnte sich aber kaum ausdrücken. Um ihn irgendwie zu beruhigen, erklärte ich ihm, was passiert war und warum. Es folgte eine heftige Reaktion: "Papa, ich muss mich übergeben." Ich versuchte wieder, ihn zu beruhigen und alles mit anderen Worten zu erklären. Seine riesigen braunen Augen schienen mich nicht zu sehen. Der Junge schüttelte sich vor Weinen in meinen Armen, ich hörte das Klopfen seines Herzens, sah einen rinnenden Tropfen Schweiß auf seiner Stirn. Ich wischte diesen mitsamt den Tränen ab und drückte meinen Sohn an mich. Wir standen auf dem kalten Holzboden des Badezimmers, und die Zeit blieb gleichsam stehen ... Er übergab sich nicht.

Museum ARoSAm

Freitag besuchten wir das Museum ARoS in Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks. Mein Kind interessierte sich seit mehr als einem Jahr für zeitgenössische Kunst und war bereits in verschiedenen Museen in Hannover, Stuttgart, Straßburg und Palma de Mallorca gewesen.
In das Museum, gebaut in der Form eines Würfels, führte vom Bürgersteig eine breite und lange Treppe. Wir gingen zunächst hinauf in den vierten Stock. Das Museum verfügte über ein gemütliches, modernes Café, eine Vorverkaufsstelle, einen Souvenirshop sowie eine Garderobe und Toiletten. Die von Sonnenlicht durchflutete helle Eingangshalle war nach oben hin scheinbar grenzenlos. Die Besucher des Museums, vor allem Eltern, Kinder, Schüler und Lehrer, gingen frei umher. Es gab keine Beschränkungen hinsichtlich des Alters beim Einlass in die Ausstellungsräume.
Wir fuhren mit dem Aufzug in den achten Stock und erreichten über eine spezielle Treppe die Beobachtungsplattform auf dem Flachdach. Dort wurde das "Dein Regenbogen-Panorama" ausgestellt. Besucher gingen oder besser gesagt schwebten über der Stadt in einem Glastunnel mit drei Metern Durchmesser. Das Panorama wechselte nach den Farben des Regenbogens die Farben, und die Welt wurde unwirklich und magisch: Häuser, Autos, der Bahnhof, der Hafen, das Meer, die Kleidung und sogar die Hautfarbe.
Danach schauten wir die Ausstellungen im Museum in einer glücklichen und beschwingten Verfassung an. „Die goldenen Zeitalter der dänischen Malerei“ war überaus interessant und mein Sohn schoss viele Fotos von all den Gemälden und Skulpturen. Man dürfte im Museum fotografieren.
Im sechsten Stock befand sich eine zeitgenössische Kunstausstellung. In einem der Säle stand ein kleines Mädchen, um die sechs Jahre alt. Sie trug ein Kleid sowie eine Papiertüte über dem Kopf, die über Löcher für die Augen verfügte. In den Händen hinter dem Rücken hielt sie eine Axt. Das Mädchen wirkte lebendig. Mein Sohn stand lange wie gebannt vor einer Wand, auf die ein Zeichentrickfilm projiziert wurde. Dieser zeigte die Geschichte eines Mehrfamilienhauses und seiner Bewohner. Die Menschen waren mittels Linien und Kreisen gezeichnet. Sie begrüßten oder verabschiedeten Gäste, schimpften oder hatten Sex. Dann sah sich mein Sohn ein Video an, zusammengeschnitten aus verschiedenen klassischen Spielfilmen, so dass ununterbrochen Überschwemmungen, Vulkanausbrüche oder Erdbeben zu sehen waren. Züge entgleisten und brannten aus, Brücken explodierten und Autos fielen in den Abgrund hinab. Nebenan lief ein anderer Film mit Szenen aus Hollywoodfilmen der 30er bis 70er Jahre. In all diesen Szenen schlugen Männer Frauen oder stießen sie von sich weg. Danach schlugen Frauen Männern auf die Wangen oder auf die Brust. Männer schossen auf Frauen, wechselten mit Frauen, die aus kleinen Damenpistolen auf Männer feuerten. Schließlich realisierte ich, dass das Kind genug von all diesen Szenen gesehen hatte und dass sich die Situation mit "Danni" in der Nacht wiederholen könnte. So versuchte ich, ihn von der Show abzuhalten, lief aber selbst noch bis zum Ende diese Etage durch. Es war noch viel Überraschendes zu sehen ...
Die übrige Ausstellung hinterließ einen starken Eindruck auf uns. Eine multimediale Show "Face" des amerikanischen Künstlers Tony Oursler, dem das gesamte Untergeschoss gewidmet war, zeigte viele auf die Besucher gerichtete Augen und einige Geschichten erzählende Lippen. Der riesige "Boy" von Ron Muecks, Emblem und Symbol des Museums, erschreckte uns und ließ sogar uns Erwachsene ob seiner Größe und Realität staunen. Jedoch blieb mein Sohn aus irgendeinem Grund von ihm unberührt.

Mein Junge

Die Reaktion des Kindes auf die Welt der Erwachsenen, mit Gewalt und Katastrophen, war nach dem Besuch des Museums nicht derart stark wie nach dem Sehen von "Danni Lowinski". Ich musste weniger erklären und es war leichter, ihn zu beruhigen, obwohl einige Bilder des Tages ihn erneut nicht einschlafen ließen. Das Museum erwies sich meiner Meinung nach als ausgezeichnet. Die mit Bedacht konzipierte Ausstellung war sowohl für Eltern als auch für Kinder geeignet. Wir waren nicht in Eile und hatten genügend Zeit, uns ARoS anzuschauen, zu diskutieren, uns zu entspannen, eine Kleinigkeit zu essen und danach in Ruhe durch die schöne Stadt zu spazieren.
War so etwas schon vorher mit meinem Sohn passiert? Später wurde mir gesagt, (da er die meiste Zeit nicht bei mir lebt), dass er zum ersten Mal nicht einschlafen konnte, nachdem er den Tod von Cedric Diggory in einem der Harry-Potter-Filme gesehen hatte. Der Junge war damals nicht einmal sieben Jahre alt. In Dänemark ist er acht geworden, als er keinen Tod in einer fiktiven Welt sah, sondern in einer realitätsnahen Fernsehserie. Der bis dato letzte Fall ereignete sich vor kurzem, als mein Sohn die TV-Serie "Sherlock Holmes" sah, bevor ich ihn am Wochenende zu mir nahm. Der Klassiker des sowjetischen Films, mit dem wir alle aufgewachsen sind, ist ihm nicht bekommen und er wurde wieder einmal krank. Wir konnten die halbe Nacht nicht schlafen und mussten es irgendwie überstehen. Dieses Mal war er jedoch in der Lage, zu erzählen, dass der Mörder hinter dem Opfer stand und die Tür zu dem Zimmer, in dem sich beide befanden, von innen verschlossen war. Als das Zimmer geöffnet wurde, sahen Sherlock Holmes und Dr. Watson eine Pfütze frischen Blutes auf dem Boden. Während des Erzählens wiederholte mein Sohn oft: "Papa, du kannst dir nicht vorstellen, wie ekelhaft das Ganze war!"
Jemand sagte einmal über die Dänen, sie seien die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt. Ohne Einschränkungen und Begrenzungen zeigen und erklären sie ihren Kindern solch eine neue, spannende und herausfordernde Kunst. Wurden Exponate, die mit einem Mord verbunden sind, im Museum ausgestellt? Wie es scheint, wurden sie es nicht. Somit gibt es eine Grenze, obwohl diese nicht auf den ersten Blick sichtbar wird. Vielleicht ist das der Grund, warum mein Kind nach dem Besuch im ARoS viel leichter einschlafen konnte und nach "Danni Lowinski" nur mit großen Schwierigkeiten. Ich bin mir nicht sicher wegen des Mädchens mit der Axt. Jedoch scheint mir Matellis Werk, ein unter einen Konzertflügel geratenes Pärchen mit zerschmetterten Köpfen, durchbohrt, durchstochen, verstümmelt, doch immer noch auf den Füßen, Hand in Hand, trotz allem, trotz des Todes, ein lebensbejahendes Symbol zu sein.